Inside United Nations: Interview über die „NMUN“-Konferenz in New York

Die SRH-Delegation bei der Abschlusszeremonie
Die SRH-Delegation bei der Abschlusszeremonie

Viele Studenten träumen von einer internationalen Karriere bei einer renommierten internationalen Organisation wie den United Nations (UN). Eine Gruppe von 19 SRH Studenten ist im März 2015 diesem Traum näher gekommen: Sie haben an der „National Model United Nations“ (NMUN)-Konferenz im UN-Hauptquartier in New York teilgenommen und vom 22. bis 26. März die komplexe Arbeit der UN-Delegierten nachgeahmt.

Mit über 5000 Studierenden aus verschiedenen Nationen ist die Veranstaltung in New York die größte MUN-Konferenz der Welt. Der internationale Wettbewerb verfolgt das Ziel, jungen Menschen die Arbeit der UN näher zu bringen und für Diplomatie zu begeistern. Die Teilnahme der SRH-Delegation wurde von Alexander Gebauer und Daniel Schwarz, Studierenden des Bachelorprogramms „International Business Administration“, organisiert. Bei einem Interview haben Alexander und Daniel uns verraten, wie spannend und anspruchsvoll die Arbeit bei der UN wirklich ist.

Von links nach rechts: SRH-Studierende Alexander Gebauer, Daniel Schwarz, Philip Teltz und Robert Wedler bei der UN

Sie waren für eine Woche bei den United Nations in New York und haben hautnah erlebt, wie internationale Politik gemacht wird. Wie entstand die Idee, mit einer SRH-Delegation an der „National Model United Nations“-Konferenz teilzunehmen?

Der Vorschlag, an der „National Model United Nations“ teilzunehmen, kam von einem amerikanischen Kommilitonen, der sich mit UN-Veranstaltungen auskennt. Das erste Mal waren wir im Jahr 2014 mit der SRH vertreten, damals noch mit einer achtköpfigen Delegation. In diesem Jahr hatte unsere Gruppe 19 Teilnehmer. Jeder Delegation wird ein Land zugeteilt – wir haben dieses Jahr Venezuela vertreten. Dafür mussten wir uns mit der politischen Lage und den Meinungen des Landes auseinandersetzen, um seine Interessen kennenzulernen und seine Positionen überzeugend zu verteidigen. Es war durchaus eine interessante Erfahrung, denn Venezuela ist ein umstrittener Spieler in der Weltpolitik und man musste einige Standpunkte vertreten, die den Eigenen eigentlich nicht entsprechen. Man muss sich in die Lage eines Anderen hineinversetzen und die Welt aus einer neuen Perspektive betrachten.

Die SRH-Delegation vertrat Venezuela bei der Konferenz
Die SRH-Delegation vertrat Venezuela bei der Konferenz

Bei der „National Model United Nations“ wird die Arbeit der UN auf professionelle Weise simuliert. Wie haben Sie sich auf diese Herausforderung vorbereitet?

Die Vorbereitungen haben fünf Monate vor der Konferenz angefangen. Es wurde uns mitgeteilt, dass wir Venezuela vertreten würden, und wir haben eine umfassende Recherche betrieben. Wir haben beobachtet, wie das Land sich generell bei der UN verhält, haben beim Generalkonsulat angefragt, wie die politische Lage im Land ist, und jeder Teilnehmer musste dem Organisationskomitee ein Position Paper vorlegen. Das war keine reine Formalität; die Papers wurden tatsächlich sorgfältig gelesen und bewertet und anschließend auf der Konferenz-Homepage veröffentlicht. Die Vorbereitung in den Monaten vor der Veranstaltung war sehr wichtig, denn vor Ort gab es wenig Zeit für inhaltliche Diskussionen: da wurde Politik auf hohem Niveau geübt.

Ähneln die Aktivitäten im Rahmen der „National Model United Nations“ der wirklichen UN-Verfahrensweise?

Die Konferenz dauerte vier Tage. 10 bis 12 Stunden waren wir am Tag mit den Aufgaben als Delegierte beschäftigt. Es wurde in Ausschüssen diskutiert, es wurden Reden gehalten und Resolutionen verfasst und am Ende abgestimmt. Insgesamt war es ein sehr intensives und realitätsnahes Programm. Bei den formalen Sitzungen der Gremien mussten viele Regeln beachtet werden, und dadurch hatte man ein sehr realistisches politisches Erlebnis. Wir beide waren dem United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) untergeordnet und haben uns mit der Flüchtlingspolitik in Venezuela sowie mit der aktuellen syrischen Flüchtlingskrise auseinandergesetzt. Am Ende der Session gab es ein Votum und die gemeinsamen Resolutionen wurden verabschiedet. UN-Prozesse und ihre Formalitäten müssen genau berücksichtigt werden und man versteht und erlebt, wie komplexe Entscheidungsprozesse in den United Nations funktionieren. Viel realistischer geht es nicht!

Bei der „National Model United Nations“ wird die Arbeit von UN-Delegierten nachgeahmt. Dazu gehören ein Votum und die Erstellung von Resolutionen
Bei der „National Model United Nations“ wird die Arbeit von UN-Delegierten nachgeahmt. Dazu gehören ein Votum und die Erstellung von Resolutionen

An der „National Model United Nations“-Konferenz nehmen engagierte Studenten aus unterschiedlichen Ländern und Fachbereichen teil. Wie haben Sie von der Mitarbeit mit anderen Teilnehmern profitiert?

Die Mehrheit der Teilnehmer studiert im Bereich Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen, aber die Teilnahme an der Konferenz war auch für uns, Studierende der Wirtschaftswissenschaften, sehr bereichernd. Es handelt sich letztendlich um einen Wettbewerb bei dem man versucht, andere Teilnehmer mit konsistenten Argumenten vom Standpunkt des jeweiligen Landes zu überzeugen. Es ist ein anspruchsvolles Verfahren, bei dem man Einblicke in politische Prozesse erhält, über die Zeitungen in der Regel nicht berichten. Außerdem hat man die Möglichkeit, sich mit anderen ambitionierten und gut ausgebildeten Teilnehmern aus der ganzen Welt zu messen und dabei den beruflichen und persönlichen Horizont zu erweitern. Man übt und verbessert die eigenen rhetorischen Fähigkeiten in einer anspruchsvollen, internationalen Umgebung, lernt diplomatisch zu kommunizieren und stärkt die interkulturellen Kompetenzen. Es ist also eine empfehlenswerte Erfahrung für Studierende aller Fachrichtungen. Außerdem wurden die verabschiedeten Resolutionen an die UN-Verwaltung weitergeleitet und bei Bedarf sogar bei „echten“ UN-Entscheidungsprozessen in Betracht gezogen. Das macht schon ein bisschen stolz.

Im UN-Hauptquartier in New York trafen sich Studenten aus allen Kontinenten, um sich in Sachen Diplomatie zu üben

Sie haben sich freiwillig für die Teilnahme an der Konferenz in New York entschieden, und neben dem Studium viel Zeit in die Organisation und inhaltliche Vorbereitung investiert. Inwiefern hat sich Ihre Mühe gelohnt?

Die Teilnahme an der Konferenz ist eine hervorragende Gelegenheit, interkulturelle Erfahrungen zu sammeln, die Rhetorik zu perfektionieren und sich eine fortgeschrittene Arbeitsweise anzueignen. Eine Recherche auf UN-Niveau ist viel mehr als Stichworte bei Google eingeben. Man beschäftigt sich mit englischsprachigen offiziellen Dokumenten, die viele Fachbegriffe enthalten und nach strengen Richtlinien verfasst werden. Die richtigen Formulierungen sind in der UN-Sprache unabdingbar, denn unterschiedliche Begriffe haben unterschiedliche Gewichtungen. Das Prestige, das den Teilnehmern verliehen wird, hat uns sehr motiviert: Wir reden von einer hoch inspirierenden, internationalen Veranstaltung bei den United Nations in New York, eine der interessantesten Städten der Welt. Bei der Abschlusszeremonie im United Nations General Assembly Hall – dem Raum, wo die Vollversammlung der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen jährlich stattfindet -, hielt Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, eine Rede. Muss man dazu noch mehr sagen?

Ist man in der Lage, Politik besser zu verstehen, wenn man die Arbeit der UN als Insider erlebt?

Durch die Teilnahme an der „National Model United Nations“ wird das politische Geschehen besser nachvollziehbar. Es wird einem klar, warum es keine einfache Lösung für die Flüchtlingskrise gibt und warum Länder sich bei vielen Fragen nicht einigen können. Der Entscheidungsprozess im politischen System ist hoch bürokratisch und es sind viele Interessen im Spiel. Wenn man sich ernsthaft mit politischen Entwicklungen in anderen Ländern beschäftigt, erkennt man oft positive Seiten, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema ist uns z.B. aufgefallen, dass Venezuela ein viel besseres System für die Aufnahme von Flüchtlingen hat, als aus unserer Sicht Deutschland. So ist die venezolanische Regierung im Rahmen ihrer Möglichkeiten viel stärker bemüht, Flüchtlinge in der Gesellschaft zu integrieren. Davon könnte auch Deutschland etwas lernen.

Ihr Engagement könnte ein Vorbild für andere Studenten werden. Wie stellen Sie sich die zukünftige Teilnahme von SRH-Delegationen an der NMUN-Konferenz vor?

Wir haben unsere positiven Erfahrungen mit dem UN-Programm an unsere Kommilitonen weitergegeben und hoffen, auch andere für die Weiterführung dieses Projektes motivieren können. Es bedeutet viel Arbeit, die man neben den Prüfungen und Vorlesungen erledigen muss, aber es lohnt sich. Es wäre toll, wenn die Teilnahme an dieser großartigen Veranstaltung eine Tradition der SRH-Studentenschaft wird.

Nach der Konferenz hatten die Teilnehmer endlich Zeit, New Yorks Sehenswürdigkeiten zu bewundern, wie z.B. die Brooklyn Bridge
Nach der Konferenz hatten die Teilnehmer endlich Zeit, New Yorks Sehenswürdigkeiten zu bewundern, wie z.B. die Brooklyn Bridge

 

All work and no play? Ganz im Gegenteil! Nach der Abschlusszeremonie haben die Teilnehmer den Erfolg im New Yorker Club Terminal 5 ordentlich gefeiert
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