Vom Student zum CEO in einem Jahr

Interview
Artur gibt ein Interview bei der Langen Nacht der Startups in Berlin

So vieles kann innerhalb eines Jahres passieren. Das kann SRH Absolvent Artur Steffen nur bestätigen, denn seit seinem Abschluss 2014 hat sich sein Leben deutlich verändert. Im September 2014, kurz nach der Absolventenfeier, gründete Artur seine Firma MedLango. Diese vermittelt Dolmetscher für ausländische Patienten, die sich in Deutschland medizinisch versorgen lassen wollen.

Die intensive Arbeit im ersten Jahr trägt Früchte. Am 23.9 präsentiert Artur seine Firma einer hochkarätigen Jury beim „Startups@Reeperbahn 2015 Pitch“ in Hamburg. In der Jury befinden sich unter anderen Katharina Borchert (SPIEGEL ONLINE), Chris Barton (Shazam) und Lars Hinrichs (XING). Aus mehr als 100 Bewerbern aus ganz Europa wurden MedLango und weitere vier Startups für den finalen Pitch ausgewählt. Der Hauptpreis: 100.000 Euro Mediabudget von SPIEGEL ONLINE. Auch bei der Langen Nacht der Startups in Berlin und bei der IFA durfte sich MedLango ausstellen.

Arturs Geschäft wächst schnell und das aus gutem Grund. Wegen des positiven Rufs der Ärzte und medizinischen Einrichtungen ist Deutschland ein beliebtes Ziel für Patienten aus dem Ausland. MedLango spielt eine wichtige Mediator-Rolle: durch die Dolmetscher-Vermittlung ermöglicht die Firma eine reibungslose Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten.

Im Interview berichtet Artur über die Anfangszeit als Unternehmensgründer, wie das Entrepreneurship-Studium ihm dabei geholfen hat und ob Berlin der richtige Ort für Gründer ist.

SRHomies: Wo stehen Sie und Ihr Unternehmen heute?

Artur: MedLango vertritt zurzeit 12 Sprachen und hat circa 600 Dolmetscher. In unserem Büro arbeitet heute ein siebenköpfiges Team. Als Teamleiter bin ich den Großteil der Zeit im Büro, wo ich Aufgaben delegiere, Projekte manage und mich um Marketing und Sales kümmere. Wenn ich nicht im Büro bin, bin ich unterwegs, um Investoren zu treffen und zu networken. Wenn man ein Startup leitet, arbeitet man von 60 bis 70 Stunden pro Woche. Da bleibt kaum Zeit für andere Interessen.

Büro
Das gemütliche Büro der Firma MedLango in Berlin-Schöneberg

SRHomies: Wie haben Sie Ihr Unternehmen von der Idee bis zur Realisierung entwickelt?

Artur: Da meine Eltern Ärzte sind, ist mir das Gesundheitswesen ein vertrauter Geschäftsbereich. Bereits vor dem Studium habe ich ausländische Patienten begleitet und in einem Projekt für medizinischen Tourismus in Russland gearbeitet. Die Masterarbeit war aber ausschlaggebend für meine Entscheidung, MedLango zu gründen. Zusammen mit zwei Dolmetschern, habe ich einen Patienten 30 Tage lang an der Charité begleitet und festgestellt, wie wichtig medizinische Grundkenntnisse für eine Dolmetschertätigkeit sind. Der Dolmetscher muss nicht einfach nur übersetzen, sondern auch koordinieren können, und dafür ist es unabdingbar, sich gut im Gesundheitsbereich auszukennen.

SRHomies: Nach Abschluss der Masterarbeit haben Sie zunächst ein Praktikum absolviert, dann kurzerhand aufgehört, um mit der Unternehmensgründung voll durchzustarten. Wie kam es dazu?

Artur: Die Zeit war einfach reif für diesen Schritt. Nach knapp zwei Monaten bei Helpling hatte ich wertvolle Einblicke ins Startup-Geschäft. Bei vielen Fragen stellte ich mir vor, wie ich sie selbst angehen würde und wollte es endlich ausprobieren. Unsere Absolventenfeier Ende September gab dann den Ausschlag. Ich traf Prof. Klaus Hekking und sprach mit ihm über meine Geschäftsidee. Als Kopf eines der größten Gesundheitsanbieter Deutschland sollte er das Geschäft gut einschätzen können. Er war von meinen Schilderungen begeistert und ermutigte mich, die Idee rasch in die Tat umzusetzen. In der Woche darauf kündigte ich und endlich kam mein Traum ins Rollen.

SRHomies: Sie haben Ihr Unternehmen direkt nach dem Studium gegründet. Welche Rolle hat das Studium an der SRH bei ihrem Erfolg gespielt?

Artur: Das Masterprogramm bringt Gründern bei, langfristig zu planen und mögliche Risiken zu identifizieren. Als Student betrachtet man eine Geschäftsidee aus unterschiedlichen Blickwinkeln und eignet sich wichtige Business Development und Management Skills an. Es ist einfacher eine Firma zu leiten, wenn man alle Facetten der Unternehmensgründung kennt. Im Studium habe ich das Fundament für die Tätigkeit als leitender Geschäftsführer erhalten und das notwendige Selbstbewusstsein entwickelt. Außerdem habe ich mein Netzwerk aufgebaut und regelmäßig Erfahrungen mit Kommilitonen ausgetauscht. Man lernt immer was dazu, wenn man sich auch andere Geschäftsmodelle anschaut. Durch das Netzwerk, das man während des Studiums aufbaut, ist es einfacher, Lösungen für Probleme zu finden und Empfehlungen zu erhalten.

SRHomies: Welche Ratschläge würden Sie Studierenden geben, die sich als Unternehmensgründer beweisen wollen?

Artur: Man muss sich als Erstes die Frage stellen: bin ich mit vollem Herzen dabei? Wenn das nicht der Fall ist, wird man nicht in der Lage sein, andere Leute langfristig von seiner Idee zu begeistern. Es ist auch wichtig, frühzeitig mit dem Besuch unterschiedlicher Startup-Events anzufangen, um das eigene Netzwerk zu erweitern. Wenn Gründer einen Termin verpassen, kann es bis zu einem halben Jahr dauern, bis sie Investoren wieder ansprechen können. Außerdem ist das Personalmanagement wichtig. Man muss einschätzen können, welche Bewerber am besten geeignet und wie viele Mitarbeiter notwendig sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man mit einem kleinen, gut eingespielten Team mehr erreicht als mit einem großen Team.

Das MedLango-Team bei der Langen Nacht der Startups in Berlin
Das MedLango-Team bei der Langen Nacht der Startups in Berlin

SRHomies: Berlin wird als die Gründerhauptstadt Europas gefeiert. Stimmen Sie zu, dass Berlin „the place to be“ für Unternehmensgründer ist?

Artur: Berlin ist auf jeden Fall der richtige Ort, auch wegen der Nähe zu politischen Entscheidungsträgern. Es ist relativ einfach, ein Netzwerk aufzubauen und Unterstützung für eine Geschäftsidee zu finden. Aber dadurch, dass so viele Gründer sich in Berlin etablieren wollen, steigt die Konkurrenz. Viele Gründer kommen nach Berlin mit der Hoffnung, schnell erfolgreich und reich zu werden. Irgendwann kommt aber das böse Erwachen, weil es nicht einfach ist, die eigene Firma zum Erfolg zu führen. Man muss einen langen Atem haben und sollte sich nicht allein des Geldes wegen für diesen Weg entscheiden.

SRHomies: Was halten Sie von Gründerwettbewerben?

Artur: Da die Gründerszene sich sehr schnell entwickelt und man gut informiert und vernetzt bleiben muss, sind solche Veranstaltungen unerlässlich. Es lohnt sich, Zeit an die Vorbereitung von Präsentationen für Pitches zu investieren. An der Präsentation für den „Startups@Reeperbahn 2015 Pitch“ habe ich beispielweise drei Wochen gearbeitet und habe es in die Endrunde geschafft. Wir werden bei der Veranstaltung viel Feedback von Experten bekommen, was für eine junge Firma sehr wichtig ist. Eine tolle Geschäftsidee zu haben reicht nicht: man muss die Idee gut präsentieren können, und dabei ist Übung sehr wichtig. Trotzdem sollte man sich bei den Wettbewerben nicht verzetteln, sie erfordern einen hohen Zeiteinsatz. Man sollte genau prüfen, welches einen weiterbringen kann, auch wenn man nicht gewinnt.

SRHomies: Networking ist essentiell für Gründer, aber wie viel von der Geschäftsidee darf man verraten?

Artur: Ich bin dafür, Ideen zu teilen. Das gehört zum Networking und jeder profitiert vom Erfahrungsaustausch. Man sollte aber nicht jedem verraten, wie etwas gemacht wird. Wichtige Informationen, wie z.B. Kontakte beim Ministerium, gebe ich nicht weiter.

SRHomies: Ihre Firma wird ein Jahr alt und Sie haben damit bereits viel erreicht. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Artur: Die Perspektiven für die nächsten Jahre sind sehr gut. Wir haben noch viel vor. Wir wollen der führende Dolmetschervermittler in Deutschland werden und auch in anderen Ländern tätig sein. Eine Leistung, auf die wir besonders stolz sind, ist, dass wir mit ersten Krankenhausbetreibern im Gespräch sind. Auch das Land Berlin hat Interesse an einer Partnerschaft im Rahmen der Betreuung von Flüchtlingen gezeigt. Aber alles dauert seine Zeit und man braucht Geduld und Hartnäckigkeit. Solche Verträge werden nicht von heute auf morgen geschlossen.

SRHomies: MedLango bietet eine Dienstleistung, die auch für Flüchtlinge in Deutschland sehr relevant ist. Wie beteiligt sich die Firma in diesem Prozess?

Artur: Unsere Firma ist Ansprechpartner für Dolmetscher-Dienstleistungen bei der „Welcome to Dresden“-App für Flüchtlinge. Wir testen unsere Dolmetscher, bevor wir sie in unsere Datenbank aufnehmen. Sie müssen sehr gute interkulturelle Kompetenzen mitbringen und auf die speziellen Bedürfnisse von Ausländern achten. Diese Sorgfalt unterscheidet uns von anderen Anbietern. Kanzlerin Merkel hat bei ihrer Rede über die Flüchtlingskrise die „deutsche Flexibilität“ gefordert. Mit Initiativen wie der App können wir uns vernetzen und schneller handeln als Bundesregierung und viele Behörden. Es ist ein gutes Gefühl, mit unserer Arbeit auch helfen zu können.

Anfang September starteten Artur und sein Team die Kampagne „Understanding can heal“ auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo. Das Ziel:  Spenden in Höhe von 30.000 Euro für medizinische Dolmetscherdienste für Flüchtlinge in Berlin zu sammeln. Ausführliche Informationen zum gemeinnützigen Projekt finden Sie unter: https://www.indiegogo.com/projects/medical-interpreters-for-refugees/#/story

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